Unrechtmäßig aus jüdischem Eigentum erworbene Bücher 

 

 

Von der Berliner Stadtbibliothek 1943 unrechtmäßig aus jüdischem Eigentum erworbene Bücher, die im sogenannten Zugangsbuch J registriert sind 

 

Zugangsbuch J (1944–45), Zentral- und Landesbibliothek Berlin 

 

William Wordsworth, The Poetical Works of Wordsworth (London, [et al.]: Warne, 1891), Zentral- und Landesbibliothek Berlin 

 

Eugen Fröhner, Lehrbuch der gerichtlichen Tierheilkunde (Berlin: Schoetz, 1915), Zentral- und Landesbibliothek Berlin 

 

Abtransport der Bibliothek der Familie Rothschild durch Mitarbeiter des Einsatzstabs Reichsleiter Rosenberg, Paris (1940), Fotografie von Heinrich Hoffmann, Bayerische Staatsbibliothek, München 

 

Text von Sebastian Finsterwalder, Zentral- und Landesbibliothek Berlin

Übersetzung aus dem Deutschen von Alicia Reuter 

 

 

Provenienzrecherche Zentral- und Landesbibliothek Berlin

 

Die heutige Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) besteht aus der 1901 gegründeten Berliner Stadtbibliothek, der 1954 in West-Berlin errichteten Amerika-Gedenkbibliothek und der Senatsbibliothek Berlin. Während der NS-Zeit geraubte Bücher gelangten auf verschiedenen und noch nicht vollständig bekannten Wegen in die Bestände der ZLB. Aufgabe der NS-Raubgutforschung der ZLB ist die Überprüfung der verdächtigen Bestände, die Identifikation der geraubten Bücher und die Ermittlung ihrer Herkunft—mit dem Ziel, diese an die Eigentümer_innen oder deren Erb_innen zurückzugeben oder, sollte dies nicht möglich sein, sogenannte faire und gerechte Lösungen zu finden.

 

Die seit 2010 laufenden Recherchen konzentrieren sich bislang auf die Bestände der Berliner Stadtbibliothek. Die Bergungsstelle für wissenschaftliche Bibliotheken dokumentiert einen Ankauf aus dem Jahr 1943 von circa 40.000 Bänden aus Wohnungen von deportierten Berliner Jüdinnen und Juden sowie Lieferungen aus der Nachkriegszeit, die über 20.000 „Geschenke“ mit NS-Raubgut enthielten. Stichproben zeigen, dass die Bestände aller drei Teilbibliotheken der ZLB geraubte Bücher beinhalten.

 

Die ZLB veröffentlicht Informationen und Abbildungen zu allen im Zuge der Provenienzrecherche untersuchten Büchern, Provenienzmerkmalen, Personen oder Institutionen online in der kooperativen Datenbank Looted Cultural Assets (LCA).

 

 

Zugangsbuch J

 

1943 bat die Berliner Stadtbibliothek den Stadtkämmerer von Berlin um die kostenlose Übergabe von circa 40.000 Büchern aus den „Privatbüchereien evakuierter Juden“. Doch „kostenlos“ wollte die Stadt die Bücher nicht weitergeben. Es handele sich hierbei um das Vermögen von „Staatsfeinden“, das dem Reich zugefallen sei und daher zur „Förderung aller mit der Lösung der Judenfrage in Zusammenhang stehenden Zwecke dienen“ sollte. Der Briefwechsel zwischen der Stadtbibliothek, dem Oberbürgermeister der Reichshauptstadt Berlin und der Pfandleihanstalt belegt, dass den Beteiligten die Herkunft der Bücher bekannt war.

 

Für 45.000 Reichsmark wurden die Bücher schließlich von der Stadtbibliothek erworben und in die Bibliothek gebracht. Insgesamt 1.920 Buchtitel wurden in einem gesonderten Zugangsbuch eingetragen und erhielten Zugangsnummern, die mit einem J begannen. Bücher mit dieser Zugangsnummer können eindeutig als NS-Raubgut identifiziert werden, unabhängig davon, ob sie weitere Kennzeichen haben. Nur etwa zehn Prozent dieser Bücher enthalten Spuren, die zu den beraubten Eigentümer_innen führen könnten.

 

Die Signaturvergabe im Zugangsbuch J erfolgte nach Kriegsende. Übereinstimmende Provenienzen belegen, dass die Bücher, die damals nicht als J-Zugang eingearbeitet wurden, im Laufe der Jahre nach und nach als „Geschenke“ in den Bestand übernommen wurden.

 

Die im Regal präsentierten Bücher sind allesamt im Zugangsbuch J registriert. Auf eingelegten weißen und grauen Zetteln ist die Zugangsnummer und meist auch die Signatur vermerkt. Die orangenen Zettel markieren diejenigen Bücher, die offensichtliche persönliche Provenienzmerkmale aufweisen.

 

Zwei Fallbeispiele—Bücher aus dem Besitz von Ludwig Simon und Gertrude Wütow—veranschaulichen die Suche der Zentral- und Landesbibliothek Berlin nach Erb_innen.

 

 

Gertrude Wütow

 

Das Buch William Wordsworth, The Poetical Works of Wordsworth (London [u.a.]: Warne, 1891), ist im Zugangsbuch J unter der Nummer 1261 eingetragen. Es wurde unter der Signatur Cq 1555 in den Bestand der Berliner Stadtbibliothek eingearbeitet. Auf dem Titelblatt findet sich eine Widmung: „Gertrude Wütow from her loving Friends Emily, Edith & [Harry R...] November 1892“.

 

Das Buch war Teil des Ankaufs aus der Pfandleihanstalt. Außer der Widmung sind im Buch nur Merkmale zu finden, die auf die Berliner Stadtbibliothek und die Zentral- und Landesbibliothek Berlin zurückführbar sind (Signatur, Stempel, Zugangsnummer, „Nicht entleihbar“-Etikett, etc.).

 

In den im Zugangsbuch J eingetragenen Büchern findet sich noch ein weiterer Band mit einem Gertrude Wütow zuzuordnenden Provenienzmerkmal. Im unter der Zugangsnummer 1542 verzeichneten und mit der Signatur Cq 1593 eingearbeiteten Buch von Robert Burns, The Poetical Works of Robert Burns (London [u.a.]: Warne, 1888) ist eine handschriftliche Notiz enthalten: „Von den lieben Großeltern erhalten am 26.3.1891. G. Wütow“.

 

Die Identität von Gertrude Wütow ist nicht eindeutig geklärt. Vermutlich handelt es sich um Gertrude Hirschweh geb. Wütow, geboren am 26. März 1874 in Berlin. Dafür spricht, dass das Buch aus einer Berliner Wohnung geraubt wurde und sowohl der Name Gertrude Wütow als auch der Name Gertrude Hirschweh in den gängigen Quellen (in Adressbüchern, in einem Gedenkbuch und in der Gedenkstätte Yad Vashem) nicht nur mehrmals vorkommt, sondern sich immer auf dieselbe Person bezieht.

 

Gertrude Wütow heiratete am 9. September 1895 den Apothekenbesitzer Hermann Hirschweh (geboren am 16. Juni 1865 in Jedwabno, Ostpreußen). Gertrude und Hermann Wütow hatten eine am 11. Juni 1896 geborene Tochter, Hertha Johanna, und vermutlich mindestens ein weiteres Kind, Dorothea Hirschweh Beerman. Gertrude Hirschweh wurde am 13. Januar 1942 ins Ghetto von Riga deportiert; zu ihrem weiteren Schicksal konnten bislang keine Informationen gefunden werden. Auch mögliche Erb_innen konnten bislang nicht ausfindig gemacht werden.

 

 

Ludwig Simon

 

Das Buch Eugen Fröhner, Lehrbuch der gerichtlichen Tierheilkunde (Berlin: Schoetz, 1915), ist im Zugangsbuch J unter der Nummer 939 eingetragen. Es wurde unter der Signatur Ko 481 d in den Bestand der Berliner Stadtbibliothek eingearbeitet. Auf dem Titelblatt findet sich ein schwach erkennbarer Stempel: „Dr. Ludwig Simon [Tierarzt] [Berlin], 43 Linienstr. 6“.

 

Das Buch war Teil des Ankaufs aus der Pfandleihanstalt. Außer der Widmung sind im Buch nur Merkmale zu finden, die auf die Berliner Stadtbibliothek und die Zentral- und Landesbibliothek Berlin zurückführbar sind (Signatur, Stempel, Zugangsnummer, „Nicht entleihbar“-Etikett, etc.).

 

Der Tierarzt Dr. Liepmann Ludwig Simon wurde am 20. Dezember 1877 in Schönfließ in Brandenburg geboren und starb 1956 in New York. Ludwig Simon, seine Frau Irma Simon und ihr Sohn Fritz Simon überlebten die Shoa im Untergrund. Obwohl relativ viel über Ludwig Simon und seine Familie in Erfahrung gebracht werden konnte, ist es bislang nicht gelungen, Erb_innen zu finden. Irma Simon verstarb 1999 in Berlin; Nachforschungen zu dem um 1923 geborenen Fritz Simon blieben bislang ohne Ergebnis.

Zwei Fallbeispiele—Bücher aus dem Besitz von Ludwig Simon und Gertrude Wütow—veranschaulichen die Suche der Zentral- und Landesbibliothek Berlin nach Erb_innen.